Albanien: Länderkontext
Die albanische Wirtschaft war in den letzten 30 Jahren von beinahe ununterbrochenem Wachstum geprägt. Die Wirtschaftsleistung liegt nun deutlich über dem Vor-Covid-Pandemie-Trend, dies vor allem aufgrund des rasch wachsenden Tourismussektors. Während es mit einer vorsichtigen Fiskalpolitik gelang, die öffentliche Verschuldung zu senken, tragen eine proaktive Geld- und Währungspolitik, weltweit sinkende Rohstoffpreise und die Aufwertung der Landeswährung zum Inflationsabbau bei. Der IWF rechnet weiterhin mit einem robusten Wirtschaftswachstum, das durch das Baugewerbe, den Tourismus und den Binnenkonsum gestützt wird.
Trotz dieses allgemein positiven Bildes bleiben beachtliche strukturelle Herausforderungen bestehen. Der rasante Ausbau der Tourismusinfrastruktur belastet die Umwelt, so etwa durch die zahlreichen Hotelkomplexe entlang der Küste und durch den Bau eines neuen Flughafens in einem Naturschutzgebiet. Da die wirtschaftliche Produktivität und die Wettbewerbsfähigkeit weiterhin eher mässit ausfallen, sind tiefgreifende Reformen unerlässlich. Zudem bleibt der Anteil der Schattenwirtschaft weiterhin hoch und wird teils von illegalen Geldflüssen unterstützt, der auch den Bauboom in der Hauptstadt und den Tourismuszonen weiter anheizt. Ein eher geringes Vertrauen in den Rechtsstaat und die spürbare systembedingte Korruption hemmen zudem ausländische Direktinvestitionen.
Die weiterhin hohe Abwanderung von Menschen im arbeitsfähigen Alter und der daraus resultierende Geburtenrückgang führen zu einem steten Verlust an Humankapital. Die Auswanderung ist vor allem auf die Unzufriedenheit mit den öffentlichen Diensten und die aufgrund der weitverbreiteten Korruption als begrenzt empfundenen wirtschaftlichen Perspektiven zurückzuführen. Durch die rasche Alterung der Bevölkerung entstehen neue sozioökonomische Herausforderungen, etwa bei der Pflege der älteren Bevölkerung und der Finanzierung des Rentensystems. Dies führt zu einem Arbeitskräftemangel, der teilweise durch Arbeitsmigrantinnen und -migranten aus asiatischen Ländern kompensiert wird.
Insgesamt macht Albanien Fortschritte in Bezug auf das klar formulierte, aber hoch gesteckte Ziel eines EU-Beitritts bis Ende dieses Jahrzehnts. Strukturelle Reformen zur Angleichung an die Anforderungen der EU werden rasch umgesetzt, müssen aber vertieft werden, um der Bevölkerung und der grossen Diaspora attraktive Lebensbedingungen und Investitionsmöglichkeiten vor Ort zu bieten.
